Traumafolgestörungen bei schutzsuchenden Menschen

Menschen sind unterschiedlich. Auch die Reaktionen und Folgen auf traumatische Lebensereignisse sind unterschiedlich. Nicht alle brauchen eine psychologische oder  medizinische Therapie oder Behandlung – oder wissen selbst, dass sie diese Hilfe bräuchten (mehr dazu siehe Seelsorgerlicher Beistand für schutzsuchende Menschen). Es gibt Unterschiede in der Schwere der Traumatisierung, der Dauer und der Häufigkeit.  Ein Teil der traumatisierten Menschen ist in der Lage, sich ohne professionelle Unterstützung zu erholen.

 

Wer fragt nach dem seelischen Befinden? 

Bei der Erstuntersuchung der angekommenen Schutzsuchenden wird auf Wunden und körperliche Krankheitszeichen geachtet, nach dem seelische Befinden wird nicht gefragt. Wo und wie können die Betroffenen Hilfe bekommen? – das sind ganz entscheidende Fragen. Für traumatisierte Schutzsuchende ist es nach wie vor schwierig, eine angemessene Behandlung und psychosoziale Beratung zu erhalten. 

Sprachbarriere

Der Zugang zu psychiatrischer und psychologischer Behandlung wird zudem durch die Sprachbarriere erschwert. Menschen, die neu nach Deutschland kommen, können sich im Normalfall nur in ihrer Muttersprache verständigen.

Es mangelt an Psycholog*innen mit Arabisch- oder Dari- und Paschtu Kenntnissen, der Einsatz von Dolmetscher*innen 

ist sowohl kostspielig als auch im therapeutischen Gespräch für alle Beteiligten schwierig. Es fehlt außerdem an psychologischen Versorgungskapazitäten, viele Hilfesuchende müssen abgelehnt werden. Der Weg zur Genesung gestaltet sich somit als schwierig.

Traumatische Gesamtbelastung

Häufig entwickelt sich nicht nur eine einzige Traumafolgestörung, sondern es treten zeitgleich mehrere Traumafolgestörungen auf. Klinisch diagnostizierbare Traumafolgestörungen sind z.B. die explizite posttraumatische Belastungsstörung, depressive und dissoziative Störungen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen. Darunter fallen jedoch auch Suchterkrankungen, somatoforme Störungen, Herz- und Kreislauferkrankungen einschließlich Herzinfarkt und Schlaganfall sowie immunologische Erkrankungen, wozu unter anderen auch Asthma, Gelenkentzündungen oder Hautekzeme gehören. Psychische Probleme wirken auf die körperliche Ebene. In Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass traumatische Ereignisse und eine vollständige posttraumatische Belastungsstörung das Risiko für andere Erkrankungen erhöhen können bzw. umgekehrt.(1)

Mittlerweile ist bekannt, dass traumatisierte geflüchtete Menschen nicht nur ein einmaliges traumatisches Erlebnis hatten, welches später quasi hochkommt. Es geht vielmehr um eine Aufeinanderfolge von traumatischen und nichttraumatischen sowie Trauma verschärfenden Belastungen, was letztendlich zu einer traumatischen Gesamtbelastung führt, die als solche die unmittelbaren Folgen des einzelnen traumatischen Ereignisses weit übersteigt. Es geht sozusagen um einen traumatischen Prozess, in dem verschiedene traumatisierende Situationen oder Umstände aufeinanderfolgen, beginnend mit „der Zeit davor“, beispielsweise der negativen Erfahrung von Armut im Herkunftsland, gefolgt von dem Einbruch von Not und Gewalt im Krieg mit dem Gezwungen sein zur Flucht, welche wiederum von Gefahren und großer Unsicherheit geprägt sind bis hin zum Ankommen an einem sicheren Ort, an dem zwar keine Gefahr mehr für das Leben besteht, aber wiederum große Unsicherheit hinsichtlich Aufenthaltsmöglichkeit und mit den Herausforderungen, sich in der fremden Gesellschaft zurechtzufinden. Die Belastung endet nicht mit der Ankunft an einem Ort fernab kriegerischer Handlungen, Hunger und Not.(2)

Eine Unterbringung in nur notdürftig ausgestatteten Massenunterkünften mit Ungewissheit über die Zukunft setzt das traumatypische Gefühl einer extremen Entmächtigung fort. Es ist immer mit kompletter Ungewissheit verbunden, wann über einen Asylantrag entschieden wird. Diese rechtliche Ungewissheit, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, nicht arbeiten oder die neue Sprache lernen zu dürfen sind sehr belastend. Eine solche Art der Unterbringung ist insbesondere für Frauen und Kinder problematisch. Häufig gibt es keinen ausreichenden Schutz gegenüber sexuellen Belästigungen und Übergriffen. Sicher spielt es für das seelische Wohlbefinden auch eine Rolle, welches Essen oder welche Kleidung die Menschen bekommen können. Die Seele braucht Schönes und Angenehmes um gesund zu bleiben. Bei muslimischen Menschen kommt dazu, dass das Essen häufig nicht ihren religiösen Vorschriften entspricht.

Beeinträchtigungen im Alltag

Auch in ihrem Alltag in ihrem selbstständigen Leben nach der Unterkunft in Heimen sind die betroffenen Erwachsenen, Kinder und Jugendliche oft beeinträchtigt. Dies kann eine gelingende Integration im Sinne eines Heimischwerdens und einer aktiven und gleichberechtigten Partizipation in Schule, Ausbildung, Arbeitswelt und Gesellschaft erschweren. Immer wieder aufflackernde innere Bilder erlebter Schrecken, Vertrauensverlust zu anderen Menschen und mit all dem verbundene Konzentrationsstörungen können beispielsweise zu Lernschwierigkeiten der Erwachsenen im Integrationskurs, der Kinder und Jugendlichen in der Schule führen. Grundsätzliches zum Teilwerden in der neuen Gesellschaft kann so gestört oder verzögert werden. Nicht immer ist den Verantwortlichen, beispielsweise in der Schule, klar, wo die Ursachen liegen könnten. Eine höhere Sensibilisierung für die Situation geflüchteter Menschen und Handlungskompetenz sind gefragt. Die Menschen, die hoffen, hier eine neue Heimat zu finden, spüren auch rassistische oder religionsspezifische Diskriminierung und Ablehnung, die ihnen teils offen, teils verdeckt entgegenschlägt, was nochmals einen zusätzlichen Belastungs- und Stressfaktor darstellt. Nicht zuletzt sorgen sich viele Schutzbedürftige um ihre im Herkunftsland oder an einem anderen Zufluchtsort zurückgebliebenen oder verschwundenen Familienmitglieder und Angehörige, darum, ob deren Leben gefährdet ist oder ob sie genügend mit Essen oder medizinischer Hilfe versorgt sind. Bei schutzsuchenden Menschen mit oder ohne Traumatisierung bündeln sich folglich eine ganze Reihe an Faktoren, die Stress auslösen und ihre physische, psychische und seelische Gesundheit beeinträchtigen.

(1)Perkonigg A, Kessler RC, Storz S, Wittchen H -U. Traumatic events and post-traumatic stress disorder in the community: prevalence, risk factors and comorbidity. Acta Psychiatr Scand. 2000;101(1):46‐59. doi:10.1034/j.1600-0447.2000.101001046.x (zuletzt eingesehen am 17.5.2020) (zuletzt eingesehen am 17.5.2020)

(2)Dieser Abschnitt basiert inhaltlich auf folgenden Forschungsarbeiten:                                                         

Keilson, H. (1979): Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Stuttgart                                                         

Khan, M. (Hrsg.) (1963): Selbsterfahrung in der Psychotherapie. München

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