Moderne Psychiatrie trifft auf traditionellen Volksglauben – Ein Beispiel für Möglichkeiten der seelsorgerlichen Intervention

In allen Religionen findet man das Phänomen, dass der volkstümliche Glauben selbstständig Inhalte und Ausdrucksformen kreiert und annimmt, die neben denen in den religiösen Quellen zusätzlich und widerspruchslos gelebt werden können oder mit der eigentlichen Glaubenslehre in wesentlichen Punkten nicht vereinbar sind. Vor diesem Hintergrund kann es zu Spannungen zwischen vermeintlich religiösen Aussagen, volkstümlichen Praktiken und medizinischer als auch psychiatrischer und psychologischer Behandlung kommen. Auch unter den Muslim*innen sind solche Praktiken zu beobachten. An einem Beispiel soll eine solche Problematik näher ausgeführt werden, um zu zeigen, wie wichtig eine umfassende religiöse und interkulturelle Ausbildung ist, wenn es um eine Vermittlung oder ein Einschreiten zugunsten der Gesundheit geht. 

Teil der islamischen Glaubenslehre ist auch der Glaube an unsichtbare Wesen jenseits der Wahrnehmung der körperlichen Sinne, nämlich an die Engel, wie sie uns auch aus dem christlichen Kontext bekannt sind und an die sogenannten „Ginn“ (Aussprache: Dschinn). Während Engeln nur gute und reine Eigenschaften zugeschrieben werden, gibt es „gute“ und „böse“ Ginn. Der Teufel (arab.„Iblis“)  als Personifizierung der bösen Macht, als unseren Sinneswahrnehmungen nicht zugängliche, unsichtbare Manifestation alles Bösen, wird herkunftsmäßig der Welt der feindlich bösartigen Ginn zugerechnet, welcher aber im Qur'an nur eine begrenzte Macht zugesprochen wird. In Verbindung mit dem wesentlich älteren und primitiveren arabischen Volksglauben an sogenannte bedrohliche Gaan (Aussprache: Dschaan, arabische Pluralform von Gin), die sich in alle möglichen Tier- und Menschenformen verwandeln können, den Menschen Schaden zufügen und sogar in Menschen „hineinfahren“ können, haben sich im Volksglauben extreme Ansichten entwickelt, welche historisch gesehen angesichts vormaliger medizinischer Unwissenheit noch gewissermaßen nachvollziehbar gewesen sein mögen. „Besessenheit“ war nicht nur und erst für die Menschen im islamischen Kulturkreis der Weg, bestimmte gefährliche, zumeist psychische Krankheiten zu benennen. Psychische Krankheiten wurden als solche noch nicht erkannt. In muslimisch geprägten Gesellschaften wurde volkstümlich-traditionell das Wirken von Ginn als Ursache für psychische und neurologische Erkrankungen angesehen, insbesondere für die Epilepsie. Diese Vorstellung wirkt bis heute. In bestimmten, sehr traditionellen, eher bildungsfernen Bevölkerungsgruppen ist es bis heute möglich, dass psychiatrische Patient*innen und/oder ihre Angehörigen die Krankheit auf das Wirken eines Gins auf ihren Körper oder in ihrem Körper zurückführen. In diesen Fällen werden medikamentöse oder operative psychiatrische und therapeutische psychologische Behandlungen abgelehnt. Der Betroffene und/oder die Angehörigen suchen nach einer Möglichkeit für die überlieferte traditionell-religiöse Methode. Durch Koranlesen auf die erkrankte Person (Vergleiche SEELSORGERLICHE RESSOURCEN, Ruqya) soll die Anwesenheit und der Einfluss des Gins oder von mehreren Gaan aus dem Körper des Kranken vertrieben werden. Möglicherweise wird eine anstehende Behandlung abgelehnt oder abgebrochen, um den Erkrankten an einen Ort, der im ehemaligen Heimatland sein kann, zu bringen und ihm dort die Behandlung im Sinne einer Austreibung zukommen zu lassen. Die Familienmitglieder und/oder die Erkrankte bzw. der Erkrankte sind davon überzeugt, religiös, im Sinne des Qur'an und des Propheten zu handeln. Diese Handlungsweise kann sich negativ auf den Verlauf der psychischen Störung auswirken. Hinter der Störung oder der Krankheit, die die Betroffenen selbst den Gaan anlasten, stehen beispielsweise Schizophrenie, Epilepsie, Zwangs- oder Stimmungsstörungen. 

Das Lesen bzw. laute Rezitieren des für den Muslim heiligen Qur'an ist für Muslim*innen und ihren Seelenzustand zwar heilsam, aber hier nicht als allheilende Medizin indiziert. Die islamische Tradition sieht keinen Widerspruch zwischen Glauben, Religion und medizinischer Wissenschaft, im Gegenteil, die Betonung liegt auf dem Wissenserwerb und darauf, den Dingen durch Nachdenken auf den Grund zu gehen.

Unsere islamischen Seelsorger*innen sind islamtheologisch ausgebildet und können anhand der islamischen Primärquellen Qur'an und Sunna davon überzeugen, keinen volkstümlich-abergläubischen Methoden zu folgen und sich stattdessen für eine medizinische Behandlung zu entscheiden, welche jederzeit durch die heilsamen seelsorgerlichen Ressourcen islamischer Religiosität ergänzt werden kann. Islamische Seelsorger*innen können in diesen Zusammenhängen auch zwischen den Ärzt*innen und der Patientin bzw. dem Patienten vermitteln, denn durch Sprachprobleme und Unkenntnis kultureller, religiöser und volkstümlich-traditioneller Besonderheiten wird den Ärzt*innen der Umgang mit diesen Patient*innen erschwert, der Zugang fehlt.

 

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